Wenn Bremsen quietschen

Bei der Produktion von Bremsbelägen geht der Hersteller, genau wie auch bei Autoreifen, stets einen Kompromiss zwischen Langlebigkeit, Komfort und Leistung ein. Beim Autoreifen sind maximale Kurvengeschwindigkeiten genauso wenig mit optimalem Federungskomfort zu vereinbaren, wie hoher Komfort mit größtmöglicher Bremsleistung bei den Bremsen. Vor dem Austausch der serienmäßig verbauten Bremsbeläge muss sich der Autofahrer entscheiden, ob er seinen Schwerpunkt auf Komfort, Langlebigkeit oder Sportlichkeit legen möchte.

Was passiert beim Bremsen?

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glühende Bremsscheibe

Um das Phänomen Bremsenquietschen zu erklären, ist ein kurzer Abstecher in die Physik erforderlich. Beim Bremsen soll ein sich bewegendes Fahrzeug verlangsamt oder angehalten werden. Dabei muss die Bewegungsenergie in andere Energieformen umgewandelt werden. Bei Hybridfahrzeugen wird ein großer Teil der Bewegungsenergie in elektrische Energie umgewandelt und in den Batterien gespeichert. Eine sehr wirtschaftliche Form des Bremsens, jedoch in der Bremsleistung eingeschränkt. Die klassische Bremse, die auch bei Hybridfahrzeugen unterstützend arbeitet, drückt Bremsbeläge gegen eine Bremsscheibe oder Bremstrommel und wandelt damit die Bewegungsenergie in Wärmeenergie um. Damit die Bremse nicht verglüht, muss die Wärme möglichst effektiv wieder abgeleitet werden. Innenbelüftete Bremsscheiben, große Öffnungen in den Alufelgen oder spezielle Luftführungen zur Bremsanlage unterstützen den Wärmeaustausch. Doch beim Bremsen wird nicht die ganze Bewegungsenergie in Wärmeenergie umgewandelt. Ein kleiner Teil der Bewegungsenergie wandelt sich in unerwünschte, akustische Schwingungen um, die den Autofahrer mit quietschenden Geräuschen stören.

Bremsenquietschen

Bremsenquietschen entsteht, wenn ein oder mehrere Teile der Bremse in Schwingung geraten. Dies geschieht, wenn die gleichmäßige Gleitbewegung durch kurzzeitiges Festkleben der Bremsbeläge unterbrochen wird. Man bezeichnet dies als Stick-Slip-Effekt. Bei der Bremse spielt sich dieser Effekt im Bereich von tausendstel Sekunden ab und verursacht das hohe Quietschen. In längeren Intervallen kennen wir den ungeliebten Stick-Slip-Effekt vom tiefen Knarren einer Tür und dem ebenfalls tiefen Geräusch rubbelnder Wischerblätter. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren auch Streichinstrumente, nur dass die hierbei entstehenden Töne vom Musiker gewollt, vom Nachbarn meist ungewollt sind.

Quietschen vermeiden

Cosworth_Belag

Cosworth Belagaufbau

Um eine möglichst gleichmäßige Gleitbewegung zu erhalten, werden der Belagmischung Gleitmittel beigemengt, die das Festkleben der Bremsbeläge und damit die Eigenschwingung reduzieren. Bei vielen Fahrzeugen werden zwischen der Trägerplatte und dem Bremskolben noch Geräuschdämpfungsbleche, auch Anti-Quietschbleche genannt, montiert. Auch sie dienen dazu, die entstehenden Schwingungen abzubauen. Bremsbeläge, Bremsscheiben und die Bremse selbst sind dabei aufeinander abgestimmt. Mindestens genauso wichtig, wie die richtige Abstimmung von Scheibe, Belag und Bremse, ist die saubere Montage. Vor der Montage sind sämtliche Teile der Bremsanlage von Rost und Bremsstaub zu befreien, sowie auf Leichtgängigkeit und Verschleiß hin zu überprüfen. Um die Leichtgängigkeit der einzelnen Komponenten auf Dauer zu gewährleisten, sind alle Teile der Trägerplatte, die einen direkten Kontakt zum Bremssattel oder zum Bremskolben haben, mit einem metallfreien Dauerschmierstoff dünn einzustreichen. Gleiches gilt auch für die Geräuschdämpfungsbleche.

Quietschen trotz sauberer Montage

Obwohl die Bremsanlage vor der Montage der Bremsbeläge gewissenhaft gereinigt wurde, kann es trotzdem zum Quietschen der Bremse kommen. Die häufigste Ursache hierfür ist eine Überbelastung der Bremse vor Ablauf der Einfahrzeit. Neue Bremsbeläge müssen sich nach der Montage erst einmal einbremsen und auf die Bremsscheiben einschleifen. Hierfür müssen mindestens 200 Km und bis zu 500 Km eingeplant werden. Wird die Bremse in dieser Zeit übermäßig beansprucht, kann es zur sogenannten Verglasung der Bremsbeläge kommen, wodurch die Bremsleistung abnimmt und der Stick-Slip-Effekt begünstigt wird. In diesem Falle sind die Beläge auszubauen und die Belagoberfläche mit Schmirgelpapier von der verglasten Schicht zu befreien. Der erneute Einbau ist mit der gleichen Sorgfalt und Sauberkeit durchzuführen, wie der erste Einbau. Eine fast ebenso häufige Ursache liegt im Gegenteil, nämlich der Unterforderung der Bremse. Bei dauerhaft verhaltenem Bremsverhalten kann es ebenfalls zu einer Veränderung der Belagoberfläche kommen, die sich in den Auswirkungen nicht von der überlasteten Bremse unterscheidet. Lediglich die Schicht der Verglasung lässt sich in diesem Fall oftmals mit ein paar kraftvollen Bremsmanövern beheben. Sollten diese keine Wirkung zeigen, so muss auch hier mit Schleifpapier nachgeholfen werden. Auch ein Bremsenquietschen beim Lösen der Bremse ist bei defensiven Bremsern häufig zu vernehmen. Schuld daran sind feine Grade, die sich, insbesondere an nicht abgeschrägten Bremsbelägen, bilden. Auch sie lassen sich mit einem kräftigen Tritt auf die Bremse entfernen. Ein eigenhändiges Abschrägen hat die Verluste von Garantieansprüchen und der Allgemeinen Betriebserlaubnis (ABE) zur Folge und sollte unterlassen werden.

Sportliche Bremsbeläge quietschen gerne

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Bei Mischung von sportiven Bremsbelägen wird der Schwerpunkt auf deren Biss gelegt. Da die erhöhte Bremskraft gleichzeitig zulasten der gleichmäßigen Gleitbewegung geht, neigen diese Beläge eher zum Quietschen, als die auf Komfort ausgelegten Serienbremsbeläge. Verständlich also, dass bei den auf Höchstleistung getrimmten Motorsportbremsbelägen das Quietschen der Bremsbeläge nahezu unvermeidlich ist. Man kann im Motorsportbereich sogar sagen, dass bei nicht quietschenden Bremsbelägen das Ziel der maximal möglichen Bremskraft verfehlt wurde. Die Montage der sportiven und der Motorsportbremsbeläge erfolgt, wie auch die der komfortbetonten Bremsbeläge mit einem metallfreien Dauerschmierstoff, der nicht nur die dauerhafte Leichtgängigkeit der Bremsanlage gewährleistet, sondern auch das Quietschen reduziert. Dieser Dauerschmierstoff wird deshalb auch als Antiquietschpaste bezeichnet und sollte bei jeder Art von Bremsbelägen immer gleich mitbestellt werden.

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